Kommentar |
Hinweis für LA-Studierende: besonders geeignet für Studierende in den höheren Semestern
Scheitern ist, historisch betrachtet, Alltagsgeschäft, wird aber als solches erstaunlich selten thematisiert. Dabei besteht in der Geschichtswissenschaft durchaus das Bewusstsein, dass Akteure ihre Ziele und Vorstellungen oft nicht erreichten und stattdessen nichtintendierte Folgen historischen Handelns mitunter sehr weitreichend waren. Nur tatsächlich in den Fokus der Forschung gerückt wird Scheitern seltener als der Erfolg. Scheitern ist mehr als nur ein Rückschlag oder ein Misserfolg, sondern impliziert, dass Pläne und Projekte komplett Schiffbruch erleiden. Das bedeutet auch: Scheitern kann nur, wer Pläne hat. Und wer gescheitert ist, muss damit umgehen, Erklärungen suchen, sich rechtfertigen und eventuell aus Schaden klug werden. Die Geschichte des Scheiterns sagt also viel darüber aus, wie Akteure sich die Zukunft vorstellen und gestalten wollen, welche Kräfte und Ressourcen sie (nicht) zu mobilisieren vermögen, wo ihre Grenzen liegen und wie Gesellschaften und Individuen mit Misserfolgen und Krisen umgehen. Die Frühe Neuzeit ist eine besonders interessante Epoche in der Geschichte des Scheiterns, stehen doch religiöse Deutungsmuster, die das Ge- oder Misslingen von Plänen letztlich auf Gottes Handeln zurückführen, der Vorstellung gegenüber, dass Menschen oder Institutionen selbst die Gestaltung der Welt in die Hand nehmen sollten. Wir werden uns dem Thema anhand von verschiedenen Beispielen aus Gesellschaft, Religion, Politik und Krieg nähern. |
Literatur |
Stefan Brakensiek / Claudia Claridge (Hg.): Fiasko – Scheitern in der Frühen Neuzeit. Beiträge zur Kulturgeschichte des Misserfolgs, Bielefeld 2015; Peter Burschel / Hole Rößler (Hg.): Schiffbruch (Zeitschrift für Ideengeschichte 14/3), München 2020.; Marian Nebelin / Sabine Graul (Hg.): Verlierer der Geschichte. Von der Antike bis zur Moderne, Berlin 2008.
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